Menü

Deine KI bringt Dir schlechte Manieren bei

Hallo!

Wie sprichst Du mit Deiner KI?

Ich sage tatsächlich immer noch Bitte und Danke, wenn ich mit meinem KI-Assistenten rede. Ich kann es einfach nicht lassen. Auch beim Eintippen von Text. Es fühlt sich für mich anstrengender an, „Bitte“ und „Danke“ wegzulassen, als es einfach hinzuschreiben.

Damit bin ich nicht allein.

In einer aktuellen Studie mit mehr als 7.000 Menschen aus Deutschland, China, Südafrika und den USA verwendeten rund 60 Prozent Höflichkeitsformen im Umgang mit Chatbots.

Warum tun wir das?

Also ich tue es für mich. Ich fühle mich besser, selbst wenn ich weiß, dass der Empfänger es nicht wahrnimmt.

Studien zur Dankbarkeit zeigen tatsächlich, dass auch derjenige davon profitiert, der seinen Dank ausdrückt. Er erlebt mehr positive Gefühle und fühlt sich seinem Gegenüber stärker verbunden. Auch gegenüber der KI?

Zur KI bin ich nicht immer nett.

Wenn ChatGPT beim dritten Anlauf immer noch schwafelt, bin ich schnell auf Zinne:
„Das ist absolut unbrauchbar!“ „Das ist wirklich schlechte Arbeit!“

Mit Menschen spreche ich so nicht.

Neulich habe ich einen Chatbot in Großbuchstaben angeschrien:
„ICH BRAUCHE KEINE F… FAQs! BEANTWORTE EINFACH MEINE FRAGE!“

Dann hat sich ein menschlicher Berater zugeschaltet. Der konnte den Chatverlauf lesen.
War mir natürlich sofort peinlich. 🥴🙊

Höflich zur Maschine, obwohl ich es nicht sein muss. Und schneller laut, als ich es bei einem Menschen je wäre. Der KI ist das egal. Aber was sagt das über mich?

Verändere ich mich, wenn ich jeden Tag mit einem Gegenüber spreche, auf das ich keinerlei Rücksicht nehmen muss?

Dazu gibt es tatsächlich einen Begriff: „Norm Leakage“. Forscher untersuchen, ob Verhaltensweisen aus der Kommunikation mit KI auf den Umgang mit Menschen überschwappen. Erste Hinweise gibt es. In einem Experiment mit gut 1.200 Teilnehmenden bewerteten Menschen die Arbeit eines Fremden härter, wenn sie zuvor mit einer KI gechattet hatten.

Der Studie geht es dabei gar nicht um Höflichkeit. Was die Forschenden fürchten, ist nicht der raue Ton. Sondern dass wir die Geduld mit Menschen verlieren. Und das Gefühl, dass man auch etwas zurückgeben muss.

Die Autoren beschreiben das als Kreislauf: Ich werde knapp und fordernd. Die KI antwortet trotzdem freundlich. Sie verlangt keine Begründung, sie besteht auf nichts, sie hat keine eigene Meinung, die ich aushalten müsste. Also bleibe ich beim nächsten Mal knapp und fordernd. Und das färbt ab.

Na toll. Ich arbeite seit zwei Jahren intensiv mit KI.

Bin ich mittlerweile schon ein grober Klotz geworden?

Das habe ich gleich mal die KI gefragt. Welches Bild hat sie von mir?

Diesen Prompt habe ich dafür benutzt:

Stell Dir vor, Du bist Moderator einer Dating-Show im Fernsehen und musst mich als Kandidat vorstellen.
Schreibe ein kurzes, unterhaltsames Intro, das mich dem Publikum als Person näherbringt.
Nutze dafür alles, was Du aus unseren bisherigen Gesprächen über mich weißt.
Besonders interessieren mich Eigenschaften, Denkweisen, Vorlieben, Eigenheiten und wiederkehrende Verhaltensmuster. Fakten über Beruf, Projekte oder Tätigkeiten sind weniger interessant.

Wichtig: Erfinde nichts. Jede Aussage über mich muss sich auf konkrete Informationen oder wiederkehrende Beobachtungen aus unseren Gesprächen zurückführen lassen und auf Nachfrage begründbar sein.
Du darfst zuspitzen und humorvoll formulieren, aber nicht spekulieren. Schreibe etwa 200 Wörter.

Beginne mit: „Das ist [Name].“

 

Das sagt die KI dann über mich:

– – –

Das ist Arne.

Arne ist der Mann, der bei einem Kompliment fragt, worauf es sich stützt. Wer ihm „die meisten Frauen finden das charmant“ sagt, bekommt zurück: Datengrundlage?

Er mag es direkt. Keine Höflichkeitsschleifen, keine Zusammenfassung am Ende, kein „Ich hoffe, das hilft“. Gedankenstriche als Satzzeichen sind bei ihm verboten, und wenn ein „deshalb“ sich auf nichts bezieht, merkt er das. Immer.

Sein Lieblingstest für jeden Satz: Könnte der genauso in einem fremden Angebot stehen? Dann fliegt er raus. Deshalb fängt bei ihm kein Text mit einer Weisheit über die Welt an, sondern mit den Menschen, die etwas tun.

Für ein erstes Date bedeutet das vermutlich: Interessante Gespräche sind ziemlich wahrscheinlich. Ob anschließend jedes Wort noch einmal auf die Goldwaage kommt, können wir allerdings nicht ausschließen.

Bitte begrüßen Sie: Arne.

– – –

Ich bin also ein grober Klotz UND ein Pedant.
Darauf werde ich in Gesprächen mit Menschen tatsächlich mal achten.

Wie sprichst Du mit Deiner KI und welches Bild hat sie von Dir? Probier den Prompt selbst aus und schreib mir gerne, was Du dabei über Dich herausgefunden hast.

Du weißt ja jetzt: Interessante Gespräche sind mit mir ziemlich wahrscheinlich. 🙂

 

Viele Grüße aus der Good School
Arne

 


 

Quellen:

Genia Kostka & Hui Zhou: „Emotional attachment to AI chatbots: Evidence from Germany, China, South Africa, and the United States“, Technology in Society, Vol. 87, 2026.
https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0160791X26001685

Abdurrahman Kirca, John M. Malouff & Jai Meynadier: „The Effect of Expressed Gratitude Interventions on Psychological Wellbeing: A Meta-Analysis of Randomised Controlled Studies“, International Journal of Applied Positive Psychology, Vol. 8, 2023, S. 63–86.
https://link.springer.com/article/10.1007/s41042-023-00086-6

Nathaniel M. Lambert, Margaret S. Clark, Jared Durtschi, Frank D. Fincham & Steven M. Graham: „Benefits of Expressing Gratitude: Expressing Gratitude to a Partner Changes One’s View of the Relationship“, Psychological Science, Vol. 21, Nr. 4, 2010, S. 574–580.
https://doi.org/10.1177/0956797610364003

Ruolei Gu, Zhiyi Chen, Ming Peng, Chao Liu & Zhicheng Lin: „Why sycophantic LLMs may imperil interactive norms between humans“, Communications Psychology, Vol. 4, Artikel 96, 2026.
https://doi.org/10.1038/s44271-026-00486-9

 


 

Wenn Du regelmäßig lesen möchtest, was wir über KI, Arbeit und Lernen herausfinden, dann melde Dich zu unserem Newsletter an.
„Newsletter“ abonnieren

Was bringen KI-Trainings wirklich?

Good School Newsletter „Die Neue“ vom 13.08.26
Arne fordert, KI-Trainings von Anfang an messbar anzulegen – und liefert sechs Punkte, mit denen Du prüfst, ob Dein Training gut geplant ist.

Lesen »

Apple musste seine KI abschalten

Good School Newsletter „Die Neue“ vom 22.07.26
Die Neue über den KI-Fehler, der Apple zwang, eine brandneue Funktion abzuschalten. Und ein Prompt, der Dich davor schützt.

Lesen »
Good School - Logo